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Die vier Säulen der Bildung

 

Im Jahr 1996 hat UNESCO einen einflussreichen Bericht „Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum“ (Orig. "Learning - the Treasure Within") zur Bildung für das 21. Jahrhundert erstellte. Dieser Bericht definiert Bildung als Bereitschaft zu lebenslangem Lernen. Im 21. Jahrhundert ist jeder Einzelne gefordert, persönliche Eigenständigkeit zu zeigen und individuelles Urteilsvermögen zu entwickeln, das mit einer stärkeren persönlichen Verantwortung einhergeht, um gemeinsame Ziele zu erreichen. Die vielen Talente und Anlagen, die in jedem Menschen wie ein verborgener Reichtum schlummern, dürfen nicht ungenutzt bleiben. Das tragende Gerüst von Bildung besteht nach dem Bericht aus den vier Säulen:

 

Was sind die vier Säulen der Bildung?

 

 

Die Bildung

 

 

 

 

 

 

 

 

1. Lernen Wissen zu erwerben

 

2. Lernen

zu handeln

 

3. Lernen

zu sein

 

4. Lernen zusammenzuleben

             

 

 

 

1. Lernen Wissen zu erwerben hat zum Ziel, erworbene Kenntnisse intellektuell verarbeiten zu können. „Intellektuell verarbeiten“ bedeutet, ein Phänomen der uns umgebenden Wirklichkeit zu verstehen und im Gedächtnis zu behalten.

 

Diese erste Säule erlaubt uns, eine Reihe von Kenntnissen zu erwerben, damit wir die uns umgebende Wirklichkeit besser verstehen können.

 

Das intellektuelle Wissen erhöht unsere Intelligenz. Intelligenz kann mit der Fähigkeit gleichgesetzt werden, durch unsere Gedankengänge und unsere Erinnerung Beziehungen zwischen den Dingen herzustellen.

 

Unsere objektive und subjektive Wahrnehmung des natürlichen, wirtschaftlichen, beruflichen und sozialen Umfeldes hängt direkt von unserer Intelligenz ab.

Wir entwickeln sie durch das intellektuelle Aneignen von Wissen durch „Studium“.

 

Die erste Säule der Bildung kann mit einem Leuchtturm verglichen werden, der um uns herum Licht verbreitet. Sein Licht beleuchtet uns und die uns umgebende Welt.  In Anlehnung an dieses Bild lässt sich sagen, dass die berühmten Gelehrten, die zum Fortschritt der Zivilisationen beigetragen haben, als „hohe Leuchttürme“ erscheinen, welche die Menschheit, die in der dunklen Leere ihrer Unwissenheit versunken ist, in Zeit und Raum erleuchten.

 

2. Lernen, zu handeln meint praktisches Wissen, d. h. die Fähigkeit, erworbene Kenntnisse praktisch anzuwenden.

 

Solches Know-how erwirbt man durch Lernen und Erfahrung - sei es durch Nachahmung oder durch persönliche Erfahrung - in einem sozialen oder beruflichen Umfeld, in dem das jeweilige praktische Wissen zur Anwendung kommt.

 

Diese zweite Säule der Bildung umfasst alle Lebensbereiche und nicht nur die handwerklichen Tätigkeiten.

 

Durch das Erwerben von Know-how können wir in einem bestimmten Tätigkeitsbereich richtig und effizient handeln, um ein gewolltes Ergebnis zu erzielen.

 

Je öfter wir etwas über lange Zeit hinweg immer wieder anwenden, desto ausgeprägter wird unser praktisches Wissen. Know-how kann nicht nur durch theoretisches Lernen oder durch Studium erworben werden.

 

Unabhängig vom jeweiligen Wissen ist praktische und persönliche Erfahrung unerlässlich, um zu lernen zu handeln.

 

Die zweite Säule der Bildung ist durch ihre praktische Dimension eng mit dem Konzept der „Macht“ verbunden. Ein großes Know-how gibt uns viel Macht zur Schaffung und Veränderung der uns umgebenden Wirklichkeit. Lernen zu handeln heisst auch, den sogenannten „Sinn fürs Praktische“ zu entwickeln. Durch diese praktische Veranlagung können wir uns entwickeln und mit den unterschiedlichsten erwarteten oder unerwarteten Situationen in unserem Leben umgehen.

 

Im Rahmen des Know-hows ist das Streben nach „Exzellenz“ wichtig, denn dadurch entsteht bei einer Tätigkeit eine Dynamik der Verbesserung und Optimierung.

 

„Exzellenz“ darf nicht mit „Perfektion“ verwechselt werden. Wenn jemand in einem bestimmten Bereich eine herausragende Leistung erbringt, bedeutet das nicht, dass er „perfekt“ ist. Im Gegenteil - in vielen Fällen ist objektiv erkennbar, dass ein pedantischer Perfektionist in seinem Tätigkeitsbereich niemals Herausragendes leisten wird.

 

3. Lernen zu sein ist eine Wissensquelle, die uns mehr persönlich betrifft. Diese dritte Säule der Bildung zeigt, wie wir uns selbst in unserem natürlichen, sozialen oder beruflichen Umfeld wahrnehmen.

 

Wenn wir „lernen zu sein“, entwickeln wir mehr Selbstvertrauen und eine größere Sicherheit in dem, was wir tun. Zudem wird unser Selbstbewusstsein gestärkt.

 

„Lernen zu sein“ kann bedeuten, dass wir uns selbst schrittweise besser kennen lernen. Introspektion, Selbstbeobachtung, Analyse unseres Verhaltens und unserer Gefühle: All das trägt entscheidend dazu bei, dass wir lernen zu sein.

  

„Lernen zu sein“ steht in direktem Zusammenhang mit unseren Erlebnissen. Unsere persönliche Geschichte bietet uns, wenn wir sie denn bewusst akzeptiert und verarbeitet haben, die Möglichkeit, voll und ganz im „gegenwärtigen Augenblick“ zu leben und die Zukunft sehr viel ruhiger und ohne überflüssige, irrationale, zwanghafte oder exzentrische Ängste zu betrachten.

 

Man kann auch sagen, dass dieses „Lernen zu sein“ automatisch dazu führt, dass wir eine gewisse innere Weisheit und eine starke Ausstrahlung erlangen.

 

Wenn wir einen hohen Grad des Seins erreicht haben, lassen wir uns weniger durch andere Menschen beeinflussen. Mehr noch: Je besser wir lernen zu sein, desto stärker werden wir ganz natürlich und „harmonisch“ unser soziales und berufliches Umfeld maßgeblich beeinflussen. Denn eins ist klar: Um sich im Umgang mit anderen Menschen wohl zu fühlen, muss man sich erstmal in seiner eigenen Haut wohl fühlen.

 

Das innere Gleichgewicht, das aus der Entfaltung unseres Seins entsteht, erlaubt uns, einen tiefen inneren Frieden zu spüren und so in (fast) allen Situationen Ruhe und Gelassenheit zu bewahren. 

 

4. Lernen zusammenzuleben ist eine Säule der Bildung, die in den letzten Jahrzehnten oft vergessen ging oder vernachlässigt wurde; heute erlangt sie aber erneut Bedeutung.

 

Zusammenleben zu können bedeutet, andere Menschen zu respektieren. Dies zeigt sich durch die Höflichkeit und die wohlwollende Aufmerksamkeit, die wir den Menschen um uns herum entgegenbringen.

 

Diese vierte Säule der Bildung hat ihren Ursprung in der Erziehung, die wir während unserer Kindheit und Jugend genossen haben.

 

Ob wir aber mit anderen zusammenleben können, hängt vor allem von unseren Gedanken über unser Umfeld - bewusst oder unbewusst - ab sowie von den Gefühlen, die wir gegenüber anderen und für uns selbst hegen. Tatsächlich hat noch nie jemand seinen Nächsten respektiert, der vor sich selbst keinen Respekt hatte.

 

In diesem Sinne lernen und entwickeln wir das Zusammenleben jeden Tag, jeden Augenblick während unseres ganzen Lebens. Es handelt sich um eine besondere „Sensibilität“, die wir nur durch den uns allen eigenen guten Willen erlernen und entfalten können.

 

„Lernen zusammenzuleben“ bedeutet, einen gewissen Großmut zu entwickeln. Dieser Großmut beschränkt sich nicht auf die Regeln des höflichen Verhaltens in unserem gesellschaftlichen Umfeld. Er zeigt sich vor allem in der Haltung und den Gefühlen, die wir uns nahe stehenden Personen und Menschen, mit denen wir im täglichen Leben sei es privat, gesellschaftlich oder beruflich zu tun haben, entgegenbringen.

 

Jemand, der z. B. durch sein höfliches Benehmen gerne so tut, als ob er sich mit seinem Umfeld ausgezeichnet verstehen würde, der aber hinter dem Rücken der Personen, die mit ihm in Kontakt stehen, böswillig ist oder schlecht über sie spricht, hat bestimmt nicht gelernt, zusammenzuleben und ist auch nicht großmütig, obwohl er über das notwendige Wissen dafür verfügt.

 

Durch eine liebenswerte und herzliche Haltung, sympathisches und zuvorkommendes Auftreten und durch eine gewisse „Ethik“ in unseren Beziehungen gewinnen wir den Respekt, die Wertschätzung und das Vertrauen der anderen.

  

Was bedeuten die vier Säulen der Bildung für uns?

 

Man kann sagen, dass die vier grundlegenden Säulen der Bildung unseren wahren inneren Reichtum ausmachen.

 

Haben wir diesen Reichtum einmal entdeckt, kann ihn uns niemand wegnehmen oder zerstören. Aber der innere Reichtum ist auch nicht „ein für allemal“ erworben. Man muss ihn während des ganzen Lebens pflegen und weiterentwickeln.

 

Einige ziehen es vor, einen theoretischen, konzeptuellen Ansatz zu Wissen zu entwickeln, während andere sich eher an pragmatischen Kenntnissen orientieren. Ebenso interessieren sich einige Menschen stärker für die innere Kultur ihres Wesens, während andere automatisch eher auf Beziehungen und die Gesellschaft ausgerichtet sind.

 

Wirtschaftlich gesehen entspricht dieser Reichtum unserem „Wissenskapital“, das wir ausschöpfen müssen. Es hängt ganz alleine von uns ab. Niemand anderes als wir selbst kann diesen potentiellen Reichtum, den unser erworbenes oder uns innewohnendes Wissenskapital ausmacht, schaffen und ausschöpfen.

 

 „Nur wer den Garten sorglich pflegt, weiss auch, dass er ihm Früchte trägt“ (Ein Spruch) ist hier völlig angebracht. Zögern wir nicht, unseren inneren Garten zu pflegen und unsere Felder zu bepflanzen indem wir „Samen des Wissens“ säen, von denen wir uns wünschen, dass sie wachsen mögen.

 

"Lernfähigkeit: Unser verborgener Reichtum" heißt es mit Blick auf die Möglichkeiten, Verständigung zwischen Menschen aus verschiedenen Kulturen, Nationalitäten oder gesellschaftlichen Klassen zu initiieren: "Wenn Menschen an lohnenswerten Projekten zusammenarbeiten, die sie ihrer normalen Routine entreißen, werden oft die Unterschiede oder sogar Konflikte zwischen ihnen schwächer und verschwinden manchmal sogar ganz. Menschen ziehen eine neue Identität aus solchen Projekten, so dass bisweilen die Eigenheiten der Einzelnen zurücktreten und die Gemeinsamkeiten wichtiger als die Unterschiede werden."

 

Mit der Zeit werden die Samen keimen, die Blumen blühen und die Früchte geerntet werden können.

 

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