Migranten am Arbeitsmarkt fördern? Ja, gerne. Aber erst nach der Wahl. Denn als Wahlkampfthema lässt sich die Förderung von Migranten schlecht verkaufen. „SPÖ- oder ÖVP-Politiker haben Angst, Stimmen an die FPÖ zu verlieren“, vermutet Seyit Arslan, Herausgeber der türkischen Zeitung „Zaman“.
In Deutschland will man die Diskriminierung von Migranten auf dem Arbeitsmarkt „nicht hinnehmen“, sagt Maria Böhmer, Staatsministerin für Integration. Ihr Rezept: ein Ausbildungspakt und gezielte Förderung junger Migranten. Sie spricht von Qualifikationen wie Mehrsprachigkeit und kultureller Kompetenz als wirtschaftlichem Vorteil. Und in Österreich? Hier ist diese Diskussion weitgehend verstummt.
Fakt ist, dass 38 Prozent der Migranten nicht adäquat zu ihrer Ausbildung arbeiten, Menschen aus der Türkei oder Ex-Jugoslawien sogar zu 47 Prozent, so das Ergebnis einer Studie von August Gächter, Projektleiter am Zentrum für soziale Innovation (ZSI). Woran das liegt? Das Arbeitsmarktservice habe jahrelang nicht den Ausbildungsstand der Migranten erhoben, so Gächter, sondern nur deren letzte Tätigkeit.
„Alte Gastarbeiterpolitik“
Dementsprechend wurden oft nur minderqualifizierte Jobs vermittelt. Und heute? Der Ausbildungsstand wird zwar erhoben, doch vermittelt wird oft weiter anhand der letzten Tätigkeit. Ein Akademiker, der als Reinigungskraft gearbeitet hat, wird also oft auch weiter als solche vermittelt – weil dort die besten Chancen bestehen.
Warum Deutschland hier einige Schritte voraus ist? „Auf Bundesebene ist niemand dafür zuständig“, sagt Gächter. Die Integrationsdebatte werde lediglich auf Landes- und Gemeindeebene geführt. Für den Leiter der Armutskonferenz und Sozialexperten der Diakonie, Martin Schenk, hat das auch mit der „alten Gastarbeiterpolitik Österreichs zu tun, die Migranten am untersten Arbeitsmarkt vorsieht und ihren Aufstieg gar nicht wünscht“.
Viel würde in den Strukturen darangesetzt, dass Ausländer nicht über Inländern stehen, so Gächter. Und das beginne schon in den Schulen. Umso wichtiger sei es, dass Lehrer mit Migrationshintergrund in Kindergärten und allen Schultypen arbeiten – an sichtbaren, aber auch unsichtbaren Stellen: „Es bringt nichts, wenn Lehrer Migrationshintergrund haben, aber der Landesschulrat wieder ein Österreicher ist“, so Gächter.
Was aber müsste geschehen, damit Migranten gleichberechtigt am Arbeitsmarkt teilhaben könnten? „Man muss klare Ziele formulieren“, meint Gächter. Denn: Allein der gute Wille genügt nicht. Dieser sei nämlich „kein Schutz vor Diskriminierung“.
Quote wie bei Frauen?
Ein mögliches Mittel wäre eine Quotenregelung bei öffentlichen Ämtern. „Das wäre die „wirksamste Methode“, sagt Schenk. Dass es Bedenken gegen solche Quoten gibt, stört ihn nicht weiter, denn die „hatte man auch bei den Frauen. Und die haben sich nicht bewahrheitet.“ Organisationen wie die Diakonie arbeiten bereits mit diesem Instrument. Dass dadurch Alibifunktionen geschaffen werden, lässt Schenk nicht gelten, denn „am Ende entscheidet die Qualität, und unqualifizierte Personen werden den Job nicht lange halten können“.
Für die berufliche Positionierung ist aber eine gute Ausbildung entscheidend. Auch hier sind Migranten oft benachteiligt: Das Bildungssystem sei so gestaltet, dass Migranten nicht im gleichen Maß gefördert werden. Gächter: „Lehrer bemühen sich um jene Kinder, wo sie von den Eltern den größten Druck bekommen.“ Und diese sind in der Regel jene, die selbst eine hohe Ausbildung haben – und die wiederum haben weitgehend autochthone Österreicher. Doch das größte Problem sei die Lehrerausbildung: Alles, was mit dem Thema interkulturelle Kompetenzen zu tun hat, ist nur Wahl- und kein Pflichtfach. Gächter: „Die Lehrer werden für eine Situation ausgebildet, die es nicht gibt. Spätestens vor 30 Jahren hätte man hier ansetzen müssen.“
Arbeit im Billigsektor
Die fachliche Qualifikation steht aber nach wie vor mit dem Namen oder der Herkunft in Verbindung. So beschäftigen etwa immer mehr Billigmöbelhäuser junge Menschen mit Migrationshintergrund. „Geringe Bezahlung und Anpassung an die Kundschaft“ sind laut Gächter zwei Gründe dafür. Und: „Luxusmöbelhäuser würden sie nicht nehmen.“ Die Jugendlichen wehren sich auch nicht dagegen. Erst wenn sie 30 oder 40 Jahre alt sind, wollen sie nicht länger als „der Türkenverkäufer“ gelten.
Daher fordert Arslan: „Wir sollten aufhören, junge Menschen danach zu fragen, woher sie ursprünglich herkommen, denn die fachliche Qualität eines Menschen lässt sich nicht über die Herkunft messen“. Die besten Beispiele dafür seien Do&Co-Chef Attila Dogudan oder Modeschöpfer Atil Kutoglu – „die werden in der Gesellschaft als Österreicher wahrgenommen, schlimmstenfalls als Austrotürke bezeichnet. Ahmet der Arbeiter ist aber weiter nur der Gastarbeiter – oder der Türke.“
12.05.2009| (Die Presse)

